Anthroposophische Medizin

Der Mensch besteht nicht nur aus Haut und Knochen oder aus Leib und Seele, die durch  Essen und Trinken zusammengehalten werden. Viele Wissenschaftler glauben heute ernsthaft, dass der Mensch vom Affen abstammt. Diese abstruse Vorstellung ist inzwischen sogar zum Allgemeingut der Menschen geworden. Und viele Menschen gehen auch schon so miteinander um.

 

In der Schöpfungsgeschichte der Bibel wird geschildert, dass der Mensch nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen wurde. Zwischen diesen beiden Vorstellungen gibt es einen gewaltigen Unterschied; nicht nur, weil das Tier am Ende seiner Entwicklung angekommen und der Mensch ein sich weiter entwickelndes Wesen ist. Was empfinden Sie bei dem Gedanken, dass ihre Vorfahren und sie selbst zur Unterordnung der Trockennasenaffen (Haplorrhini) und dort zur Familie der Menschenaffen (Hominidae) gehören? Liegen hier die Ursachen für die zunehmende Gewalt gegen Affen, pardon Menschen? Wenn ich die Ursprünge des Menschen als im Tierreich liegend voraussetze, komme ich da nicht automatisch zu einer anderen Medizin, als wenn ich den Menschen als Krone der Schöpfung betrachte?

 

Je nachdem, welches Welt- und Menschenbild wir haben, kommt es bei der Betrachtung und Behandlung von Mensch und Welt zu unterschiedlichen Folgen, z. B. in der Medizin. Ist unser heutiges wissenschaftliches Denken mit seinen postulierten Grenzen des Erkennens, die wir uns aus Unkenntnis und dem Unwillen, uns weiterentwickeln zu wollen, selber setzen, den vielen ungelösten Problemen unserer Gegenwart noch gewachsen? Die Realität spricht eine andere Sprache.

 

Die vier Wesensglieder des Menschen

 

Die Anthroposophische Medizin betrachtet den Menschen auf vier verschiedenen Ebenen seiner Existenz: der physisch-körperlichen, der seelischen und der geistigen Ebene sowie der Ebene der Lebenskräfte, die vermittelnd zwischen den körperlichen und seelischen Vorgängen tätig sind.

 

Der physische Leib

 

Quadratisch, praktisch, tot. So könnte man den physischen, mineralischen Leib beschreiben, der für die Physiker eine messbare, zählbare, wiegbare Quantität darstellt. Er ist so Gegenstand herkömmlicher naturwissenschaftlicher Betrachtungen und der darauf beruhenden Messmethoden, deren Resultate von der anthroposophischen Forschung voll akzeptiert werden. In bezug auf den physischen Leib allein unterscheidet sich daher die Anthroposophische Medizin nicht von der Schulmedizin.

 

Nur geht die Anthroposophische Medizin da einen Schritt weiter, wo die herkömmliche Medizin stehenbleibt. Durch eine konsequente Weiterbildung der denkerischen Tätigkeit kann man dazu kommen, das Denken innerlich beweglich und lebendig werden zu lassen, so dass es von einer unvoreingenommenen Betrachtung der wahrnehmbaren Phänomene zu einem anschauenden Erleben der unsichtbaren gestaltenden Kräfte und letztlich der dahinterstehenden Lebewesen mit den ihnen eigenen Gesetzmäßigkeiten kommen kann.

 

Der Bildekräfteleib – Lebensleib – Ätherleib

 

Unser mit den Sinnen wahrnehmbarer Körper wird von Lebensgesetzmäßigkeiten durchdrungen und umgeben, die ihn aufbauen und zeitlebens lebendig erhalten. Erst im Sterben wirken im menschlichen Körper rein physische Gesetzmäßigkeiten, die zu seiner Zersetzung führen. Wird der Leichnam verbrannt, bleiben Asche und Salze als Endprodukte des Physischen zurück, womit sie auf die Verwandtschaft des physischen Leibes mit dem Mineralischen verweisen. Die den physischen Körper belebenden Kräfte werden in der Anthroposophie ätherische Kräfte genannt. Sie schaffen den sogenannten Lebensleib, Ätherleib oder Bildekräfteleib. Diese Kräfte gehören nicht der physischen Welt an.

 

Der Empfindungsleib – Seelenleib – Astralleib

 

Die Lebenskräfteorganisation wird von einem übergeordneten System durchzogen und strukturiert, das in der Anthroposophie Empfindungsleib, Seelenleib oder Astralleib genannt wird. Dieses ist einerseits die leibgerichtete, regulierende Instanz höherer Gestaltungs-vorgänge, wie z.B. der Differenzierung innerer und äußerer Geschlechtsmerkmale oder der Eliminierung körperfremder Substanzen in Immunvorgängen und insofern eng mit dem Nervensystem, dem Lymphsystem (Immunsystem) und den endokrinen Drüsen verbunden.

Andererseits ist der Seelenleib der Träger der Bewusstseinstätigkeit, insbesondere des Empfindungs- und Gefühlslebens. Da Empfindung sich auch unmittelbar in Verhalten und Bewegung ausdrückt, geht auch alle Bewegung ursprünglich von der Empfindungs-organisation aus. Reflexvorgänge und selbständige Rhythmen der inneren Organe sind besonders anschauliche Beispiele für diesen Zusammenhang. Von ihm geht alle Eigenbewegung des Organismus (Atmung, Herztätigkeit, Verdauungstätigkeit ) aus.

 

Das Ich als Instanz des selbstbewussten Geistes

 

Die Empfindungsorganisation wird wiederum von einem noch höheren Bereich aus impulsiert, dem Ich, das die geistigen, selbstbewussten Vorgänge im Menschen vermittelt und insofern alle Bewusstseins- und Gestaltungsprozesse zusammenfasst. Das Ich äußert sich im menschlichen Aufrichten und Gehen, im Sprechen und im Denken. Das Tier besitzt weder ein Ich noch diese drei spezifisch menschlichen Fähigkeiten.

 

Gesundheit und Krankheit spielen sich innerhalb des Weltganzen ab. Je besser jemand den Menschen und die Welt, den Kosmos kennenlernt, um so besser ist er in der Lage, Gesundheits- und Krankheitszustände zu erkennen und zu behandeln.

 

Empfehlenswerte Literatur

 

Anthroposophische Medizin - ein Weg zum Patienten, von Michaela Glöckler, Jürgen Schürholz und Martin Walker, Verlag Freies Geistesleben.

 

Anthroposophisch orientierte Medizin und ihre Heilmittel, von Otto Wolff, Verlag Freies Geistesleben, 6. Auflage.

 

Vademecum Anthroposophische Arzneimittel, Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland, 70794 Filderstadt.

 

Das Bild des Menschen als Grundlage der Heilkunst, von Friedrich Husemann und Otto Wolff, Verlag Freies Geistesleben, 11. Auflage, Band I bis III.

 

Elternsprechstunde - Erziehung aus Verantwortung, von Michaela Glöckler, Verlag Urachhaus, 8.  Auflage 2015.

 

Kindersprechstunde - Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber, von Wolfgang Göbel und Michaela Glöckler, Verlag Urachhaus, 20. Auflage 2016.